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Arbeitszeugnis: Floskeln und Formeln im Überblick

Arbeitszeugnis: Floskeln und Formeln im Überblick

Welches Arbeitszeugnis hilft beim Weiterkommen, und welches hemmt die Karriere? Die verschlungenen Formulierungen der Papiere erschweren dem Laien oft den Durchblick.

"Wohlwollend und wahrheitsgemäß" soll ein Arbeitszeugnis sein. So zumindest sieht es in der Theorie aus. Dementsprechend finden sich in keiner der Leistungsbeurteilungen Sätze wie "er war für die Position völlig ungeeignet" oder "sie kam ihren Pflichten wenn überhaupt nur mangelhaft nach". Doch viele Wege führen nach Rom, und so für den Arbeitnehmer der Weg über angenehme Formulierungen möglicherweise ins Bewertungs-Aus.

Die Geheimsprache der Personaler will schließlich erst einmal entschlüsselt werden. Kein leichtes Unterfangen. Denn der vielgerühmte "gesunde Menschenverstand" reicht oft nicht aus, um in scheinbar neutralen oder gar positiven Sätzen die Fallstricke für das eigene Vorankommen zu entdecken. Einige grundlegende Tipps helfen beim ersten Blick auf die offizielle Bewertung. Als Faustregel gilt aber auf jeden Fall: Scheuen Sie sich bei Zweifeln nicht, den ausstellenden Personaler anzusprechen. Falls hier Probleme auftreten, lohnt sich möglicherweise der Weg zu kompetenten Beratungsstellen, etwa Berufsverbänden, Betriebsrat oder Rechtsanwalt.

Die Formalien müssen stimmen

Für jedes Arbeitszeugnis gelten strenge Formregeln: Von der richtigen Unterschrift über die Bestandteile und den Aufbau bis hin zur Verwendung hochwertigen Firmenpapiers. Stimmen alle diese Punkte, gibt dies einen ersten Hinweis auf eine sorgfältige und korrekte Beurteilung.

Der Weg ist nicht das Ziel

Sämtliche Formulierungen, die beispielsweise ausdrücken, dass Sie sich "bemüht haben" oder "bestrebt waren", deuten nicht gerade auf hohen Eifer hin. Vielmehr zeigen diese Sätze, dass gesteckte oder erstrebenswerte Ziele nicht erreicht wurden. Das Gegenteil liest man lieber: Bei Aussagen über Ihre Ergebnisse bringen präzise Beschreibungen Pluspunkte. Mit messbaren Leistungen (Umsatzsteigerung um 50 Prozent, Leitung eines Projektteams mit 30 Mitarbeitern) empfehlen Sie sich dem nächsten Arbeitgeber.

Ausdrücke zur Zufriedenheit über die Leistung sind erst dann gut oder sehr gut, wenn sie andauernde Leistung auf hohem Niveau (etwa: stets zu unserer vollsten Zufriedenheit) ausdrücken. Auslassungen in der Bewertung wirken hingegen negativ: So weist ein Mitarbeiter mit "Fachwissen" wahrscheinlich Defizite auf. Erst ein "gutes" oder "fundiertes" Fachwissen deutet auf gute Kenntnisse hin.

Wichtige Tätigkeiten

Das Arbeitszeugnis hebt, ähnlich wie eine Stellenausschreibung oder eine Bewerbung, wesentliche Kompetenzen und Kenntnisse hervor. Machen Sie sich vor der Lektüre Gedanken über zentrale Aufgabenfelder und wichtige Fähigkeiten für Ihre Position. Wenn Sie Ihr ursprüngliches Stellenprofil noch im Kopf haben, kann das ebenfalls helfen. Vergleichen Sie Ihre Liste mit dem Arbeitszeugnis - sind alle wesentlichen Punkte aufgeführt?

Oder stehen Sie als Teamleiter beispielsweise vor einer Formulierung, die Ihnen beste fachliche Qualifikationen, hohen Ehrgeiz und komplette Teamunfähigkeit (entweder durch Auslassung oder durch negative Bewertung) bescheinigt? Andere Tätigkeiten wiederum gehören so selbstverständlich zur ausgeübten Position dazu, dass sie bei Erwähnung im Arbeitszeugnis negativ auffallen. Aussagen etwa zur Pünktlichkeit oder angemessenen Kleidung im Kundenumgang haben im Arbeitszeugnis nichts zu suchen.

Eine Frage der Perspektive

Hier weiß oft nur noch der Fachmann Rat: Viele Umschreibungen der Zeugnissprache klingen rundum positiv, tragen aber eine ganz andere Bedeutung. "Wir lernten sie als umgängliche Kollegin kennen", weist beispielsweise auf eine besonders unangenehme Mitarbeiterin hin. Ausdrücke wie "Geselligkeit" oder "Verbesserung des Betriebsklimas" weisen gar auf Alkoholprobleme hin. Erste Anhaltspunkt bei solchen feststehenden Formeln gibt der Vergleich mit dem Tätigkeitsfeld: Ein guter Umgang mit Kollegen gilt als selbstverständlich und sollte nur in der allgemeinen Führungsklausel zum Ausdruck kommen, während Geselligkeit für keine Position zu den Bewertungskriterien zählt.

Ende gut, alles gut

Zu guter Letzt sollte der Arbeitgeber noch sein Bedauern über Ihr Ausscheiden aus dem Unternehmen zusammen mit dem Dank für die geleistete Arbeit ausdrücken. Diese Formulierung, so unscheinbar sie auch wirkt, ist einer der zentralsten Bestandteile Ihres Zeugnisses. Fehlt sie, kann ein zukünftiger Chef sofort erkennen: Hier wird der Arbeitnehmer nicht vermisst, vielleicht freut man sich sogar über seinen Weggang.

Das gibt ihm den ersten Anhaltspunkt, die Formulierungen in Ihrem Arbeitszeugnis nochmals ganz genau darauf durchzusehen, ob und wo sich Schwachstellen finden. Ein weiter Punkt ist ebenfalls sehr wichtig: "auch weiterhin viel Erfolg". Denn: Wünscht der ehemalige Arbeitgeber nur "viel Erfolg", so deutet das darauf hin, dass sich der bislang noch nicht eingestellt hat.

Geheimcode im Zeugnis

Es gibt viele Möglichkeiten, trotz des Wohlwollensgebots Kritik im Zeugnis anzubringen. Die bekannteste ist der so genannte Geheimcode. Diese Formulierungen klingen meist sehr positiv, sagen aber leider genau das Gegenteil aus. Einen Eindruck geben die folgenden Beispiele:

Formulierung Bewertung
Das Verhalten zu Vorgesetzten, Arbeitskollegen, (Untergebenen)
und Kunden war
... stets vorbildlich.
sehr gute Führung
... vorbildlich gute Führung
... stets einwandfrei voll befriedigende Führung
... einwandfrei befriedigende Führung
... ohne Tadel ausreichende Führung
... gab zu keiner Klage Anlass  mangelhafte Führung
über .... ist uns nicht Nachteiliges bekannt geworden unzureichende Führung
Er verfügt über Fachwissen und hat ein gesundes Selbstvertrauen. Überspielen mangelnden Fachwissens
Er war sehr tüchtig und wusste sich gut zu verkaufen. Ein exzellenter Selbstdarsteller mit mangelhafter Kooperationsbereitschaft
 Sie ist eine anspruchsvolle und kritische Mitarbeiterin. Sie ist eigensüchtig und nörgelt gerne.
 Wir lernten sie als umgängliche Kollegin kennen. Viele Mitarbeiter konnten sie nicht ausstehen.
Im Kollegenkreis galt es als toleranter Mitarbeiter. Mangelhafter Umgang mit Vorgesetzen.
 Er zeigte gutes Einfühlungsver-
mögen für die Belange der Belegschaft.
Der Mitarbeiter kümmerte sich mit besonderem Eifer um die Kolleginnen.
 Er trug durch seine Geselligkeit zur Verbesserung des Betriebsklimas bei. Der Mitarbeiter war dem Alkohol sehr zugetan.
 Er zeigte Verständnis für seine Arbeit. Mangelnde Leistungsbereitschaft
 Er ist immer gut mit seinen Vorgesetzten ausgekommen. Anpassung um jeden Preis.
 Er war tüchtig und wusste sich gut zu verkaufen. Der Mitarbeiter war ein unangenehmer und rechthaberischer Wichtigtuer.
 Er trat sowohl innerhalb wie auch außerhalb unseres Unternehmens engagiert für die Interessen der Kollegen ein. Hinweis auf eine gewerkschaftliche Tätigkeit.


Versteckte Kritik

Auch abseits der üblichen Formulierungen kann sich herbe Kritik verbergen. Etwa, wenn bestimmte Bewertungen fehlen, oder lediglich Selbstverständlichkeiten im Zeugnis hervorgehoben werden.

Die Nullstellentechnik
Wörter wie "sehr", "außerordentlich", "immer" oder "stets" füllen die sogenannten Nullstellen eines Zeugnisses. Wenn sie an ganz bestimmten Stellen nicht stehen , sinkt das Niveau des Zeugnisses.

Notwendiges fehlt
Im Zeugnis fehlen essenzielle Bestandteile der Tätigkeitsbeschreibung, Leistungs- oder Führungsbeurteilung. So verschweigt etwa der Arbeitgeber einer Führungskraft die Ergebnisse der Führungsleistungen, bei der Chefsekretärin fehlt der Hinweis auf Selbstständigkeit, und so weiter.

Betonte Selbstverständlichkeiten
Es wird beispielsweise die perfekte Kleidung eines Außendienstmitarbeiters oder die Leistungen in den Grundrechenarten eines Buchhalters hervorgehoben.

Entwertungen
Kleinigkeiten, die eher am Rande mit der beschriebenen Tätigkeit zu tun haben, werden sehr stark betont.

Verneintes Gegenteil
Formulierungen wie "war nicht uninteressiert", "waren nicht unbedeutend".

Betrachten und beurteilen Sie Zeugnisse daher immer im Zusammenhang. Von den Kernsätzen abgesehen, bringt es nichts, einzelne Sätze herauszugreifen und isoliert einer Note zuzuweisen. Denn eine sehr gute Bewertung im Rahmen eines sonst unbefriedigenden Zeugnisses wirkt auf den zukünftigen Arbeitgeber wenig glaubhaft.

(Michael Eckl / Dr. Thorsten Knobbe)



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