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Arbeitszeit: Ganz im Vertrauen

Arbeitszeit: Ganz im Vertrauen

Vertrauensarbeitszeit setzt hohe Eigenverantwortung voraus. Denn die geleistete Arbeit wird allein am Erreichen von Zielen gemessen, als an der bloßen Anwesenheit am Arbeitsplatz. Wird dies nicht umgesetzt, besteht die Gefahr der Selbstausbeutung. 

 

 

 

 

“Für die Einführung von Vertrauensarbeitszeit interessieren sich laut einer DIHK-Umfrage vor allem große Unternehmen”, sagt Dr. Ulrike Hellert, Inhaberin der Beratungsfirma “Moderne Arbeitszeiten”. Doch die Dortmunderin, die gleichzeitig das Projekt “Zeitbüro NRW” leitet, stellt in ihrer täglichen Praxis fest, dass sich auch Mittelständler für das Thema erwärmen können. “Ich habe Vertrauensarbeitszeit schon in Unternehmen mit 10 bis 100 Beschäftigen eingeführt”, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin.

Keine eindeutige Definition

Der Begriff selbst ist schwer zu fassen. “Manche meinen sogar, man müsse einfach nur jede Zeiterfassung abschaffen – und dann sei das Vertrauensarbeitszeit”, sagt Hellert. Doch ganz so einfach ist es nicht. Sie definiert Vertrauensarbeitszeit (VAZ) so: “Das ist eine Arbeitszeitregelung, bei der die Beschäftigten ihre Arbeitszeit entsprechend der betrieblichen Belange selbstständig verteilen.” Natürlich setze das ein sehr hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit und eine entsprechende Unternehmenskultur voraus: “Notwendig ist ein vertrauensvoller und von gegenseitiger Wertschätzung geprägter Umgang”, hebt Volkswirt Dr. Andreas Hoff hervor, Inhaber der Arbeitszeitberatung Dr. Hoff, Weidinger und Herrmann in Berlin.

70 Prozent haben flexible Arbeitszeit

Wie viele Arbeitgeber in Deutschland mit dieser Methode arbeiten, lässt sich nicht beziffern. “Fast 70 Prozent der Unternehmen jedenfalls haben flexible Arbeitszeiten”, so Angela Fauth-Herkner von der Münchner Unternehmensberatung Fauth-Herkner & Partner. Doch dazu gehören auch diverse andere Modelle wie Gleitzeit, Arbeitszeitkonten oder Abrufarbeit. VAZ wird vor allem Führungskräften und Mitarbeitern im außertariflichen Bereich gewährt. “Im Außendienst und in hochleistungsvergütenden Systemen ist VAZ gängig”, sagt Andreas Hoff. “Da braucht man keine Zeiterfassung, sie wäre eher störend.”

Gesetz verlangt Zeiterfassung

Gänzlich ohne Zeiterfassung kommt man aber doch nicht aus: “Paragraf 16 des Arbeitszeitgesetzes schreibt vor, dass alles, was über acht Stunden am Tag gearbeitet wird, aufgeschrieben werden muss”, erklärt Ulriche Hellert von “Moderne Arbeitszeiten”. Von wem und wie diese Stunden dokumentiert werden, ist vom Gesetzgeber allerdings nicht vorgeschrieben. “Es reicht, wenn der Arbeitnehmer das selbst macht”, so Ingo Hamm, Rechtsanwalt und Gründer der chronos-Agentur für Arbeitszeitfragen in Berlin und Bochum.

Ob diese Daten dann elektronisch erfasst und zentral gesammelt werden oder der Mitarbeiter sie auf einer handschriftlichen Liste in seiner Schreibtischschublade verwahrt, bleibt dem Unternehmen überlassen. Für die Erfassung der Überstunden bewährt habe sich die Viertelstunde als kleinste Einheit, sagt Beraterin Angela Fauth-Herkner. “Doch obwohl die Spitzenaufschreibung laut Gesetz gemacht werden muss, passiert das in 80 Prozent der Fälle nicht”, so Andreas Hoffs Erfahrung.

Gefahr der Selbstausbeutung

Dabei wird auch gleich eines der Probleme der VAZ deutlich: Die Gefahr droht, dass Mitarbeiter sich selbst ausbeuten. Möglicherweise mag niemand als erster den Arbeitsplatz verlassen oder mancher bleibt absichtlich besonders lange, um abends noch vom Chef “schwer arbeitend” gesehen zu werden. “Die Anwesenheitskultur lässt sich nicht so leicht ablegen”, sagt Fauth-Herkner. “Darum ist es in einer Firma, die auf VAZ umstellen will, im Vorfeld wichtig, in der Auffassung von Arbeit von einer Zeit- zur Ergebnisorientierung zu kommen.”

Zielsysteme schaffen Abhilfe

“Um Selbstausbeutung zu verhindern, braucht man vor allem gut fundierte Zielsysteme”, betont Ulrike Hellert. Die Arbeit an sich könne nicht das Maß sein, denn Arbeit sei schließlich immer genug da. “Darum werden in der Gruppe detaillierte Zielsysteme festgelegt”, erklärt sie. Diese seien umfassender und verlässlicher als nur Zielvereinbarungen. Zum Beispiel erhalten Arbeitsgruppen mit der Methode des “Partizipativen Produktivitätsmanagements” beträchtliche Handlungs- und Entscheidungsspielräume. “Das fördert ihr eigenverantwortliches und zielorientiertes Handeln”, sagt Hellert.

Langfristige Vorbereitung

“Bevor man beginnt, VAZ einzuführen, ist es wichtig, dass man ein Team hat, das sich gut ergänzt und in dem bekannt ist, wer wen vertreten kann”, hebt Unternehmensberaterin Fauth-Herkner hervor. VAZ muss langfristig geplant werden: Wer nimmt wann Urlaubs- und Brückentage? Wann können Überstunden wieder abgebaut werden? “Die Vorstellung, dass alle Mitarbeiter einfach nur so vor sich hinwerkeln, basiert auf einem ganz falschen Grundverständnis der VAZ”, sagt die Münchnerin. Tatsache sei: “Man spricht sich im Team ab.”

Kulturwandel – auch für Führungskräfte

Und die Führungskraft sei auch nicht untätig: “Ihre zentrale Aufgabe ist die Teamentwicklung”, so Fauth-Herkner. Sie müsse die “Rosinenpicker” lenken, damit diese sich nicht immer die besten Projekte heraussuchten, die Konfliktschwachen bei der Durchsetzung gegenüber Kollegen helfen und dafür sorgen, dass sich keiner der Beteiligten selbst ausbeutet. Auch für Führungskräfte bedeutet das einen Kulturwandel: Sie müssen von der “Anwesenheitskultur” Abschied nehmen und darauf vertrauen, dass ihre Mitarbeiter verantwortungsbewusst mit ihrer Arbeitszeit umgehen. “Auch Führungskräfte müssen verstehen, dass Zeit nicht gleich Leistung ist”, betont Ulrike Hellert.

Vertrauensarbeitszeit reduziert Stress

Die Vorteile der VAZ: “Vernünftig eingesetzt reduziert sie den Stress für die Mitarbeiter, weil sie selbst Einfluss haben”, erklärt die Beraterin vom Zeitbüro NRW. “Das ist das beste Verfahren für ein humanes Arbeiten”, findet sie. “Und das wiederum erhöht die Effektivität und die Produktivität ungemein.” Außerdem sei es eine ideale Möglichkeit, um Beruf und Familie zu vereinbaren. “Ich glaube, die Vertrauensarbeitszeit ist das Modell der Zukunft”, sagt Ulrike Hellert.

“Viele Mitarbeiter wollen es nicht”

Doch es gibt auch kritische Stimmen: “Der Begriff klingt einfach gut. Unternehmen haben gelernt, dass sie ihn als Aspekt ihrer Arbeitgebermarke nutzen können”, sagt Ingo Hamm von der chronos-Arbeitsberatung. Er zweifelt daran, dass es genügend Mechanismen gibt, die Mitarbeiter davor schützen, sich selbst auszubeuten – oder ausbeuten zu lassen. “Wenn viel zu tun ist, dann ist VAZ schlecht für den Arbeitnehmer, so banal ist die Wahrheit.”

“Gewerkschaften und Betriebsräte haben ihre Schwierigkeiten damit”, bestätigt Arbeitszeitberater Andreas Hoff aus Berlin die Kritik. “Und viele Mitarbeiter wollen es eigentlich ebenso wenig.” Aber er gesteht auch zu, dass es Beschäftigte gibt, die den höheren Freiheitsgrad und die Vermischung von Arbeit und Freizeit genießen. “Vertrauensarbeitszeit ist vor allem was für selbstständig arbeitende und gut organisierte Menschen.”

(Andrea Pawlik, 2008 / Bild: Digitalpress, Fotolia.com)

 

 

Weiterführende Informationen:

 

Arbeitszeitberatung Fauth-Herkner & Partner
www.arbeitswelt.de

 

Arbeitszeitberatung Dr. Hoff Weidinger Herrmann
www.arbeitszeitberatung.de

 

Arbeitszeitberatung Chronos
www.chronosagentur.de

 

Zeitbuero NRW
www.zeitbuero.nrw.de