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Teilzeitkräfte: Gesund und motiviert

Teilzeitkräfte: Gesund und motiviert

An der Teilzeitarbeit entzünden sich viele Vorurteile. Hartnäckig hält sich etwa die Meinung, sie sei nur etwas für gering qualifizierte Frauen. Zahlreiche Beispiele zeigen aber, wie Unternehmen sich mit der flexiblen Arbeitszeitgestaltung aus starren Strukturen befreien. 

Was die Psychologin Christiane Erbel im Jahr 2006 bei ihrer Umfrage in der Solinger Wirtschaft zu hören bekam, scheint die weit verbreiteten Vorbehalte nur zu bestätigen. "Teilzeit? Für unsere Betriebsabläufe passt das nicht, da haben wir eigentlich nur Frau Müller in der Buchhaltung", entgegnete ihr ein Geschäftsführer. "Teilzeitkräfte haben wir nicht", antwortete ein Personaler, "das sind doch meistens Frauen und die fehlen oft, weil irgendwas mit den Kindern ist."

Niedrigere Krankheits- und Fluktuationsquoten

Gut 220 Unternehmen quer über alle Branchen rief Erbel im Auftrag der Arbeitsagentur Solingen an. Nicht überraschend war das Ergebnis, dass die Mehrzahl noch keine Erfahrungen mit Teilzeit gesammelt hatte. Ebenso wenig überraschte, das hauptsächlich Frauen für Teilzeitjobs prädestiniert zu sein scheinen. "Was mich allerdings überraschte", gibt die Personalmanagement-Beraterin zu Protokoll, "war der Hinweis aus dem produzierenden Gewerbe, dass Teilzeit gezielt zur Eindämmung von Krankheits- und Fluktuationsquoten eingesetzt wird. Mit Teilzeit senken Unternehmen tatsächlich ihre Kosten."

Teilzeitkräfte leisten mehr als Vollzeitmitarbeiter

Die Solinger Umfrage zeigt zweierlei: Flexiblere Arbeitszeitgestaltung ist ein Kostenkiller. Und: Wer in Teilzeit arbeitet, leistet mehr als Kollegen in herkömmlichen Vollzeitpositionen. Teilzeitbeschäftigte, sagte etwa die technische Leiterin eines Maschinenbauers, hätten während ihrer vier- bis sechsstündigen Arbeitszeit weniger Leistungseinbrüche durch Ermüdung als Vollzeitbeschäftigte. "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter daran zu messen, welche Ziele sie erreicht haben, statt nach abgesessener Zeit", ist für den Personalleiter eines metallverarbeitenden Unternehmens schlicht der "Schlüssel zum Erfolg".

Saisonale Produktionsschwankungen ausgleichen

Diese Ergebnisse decken sich mit Erfahrungen, die das "Zeitbüro NRW" bei der Beratung mit Unternehmen sammelt. "Teilzeitarbeit bringt Unternehmen viele Vorteile", sagt Annika Neufang, die bei der Dortmunder Service- und Beratungsstelle des Landes Firmen berät. Oft würden Betriebe mit Teilzeit saisonale Produktionsschwankungen ausgleichen. Also arbeiten Mitarbeiter länger zu Spitzenzeiten und verringern ihre Arbeitszeit, wenn weniger anfällt.

Höhere Bindung der Beschäftigten

Damit nicht genug: Teilzeit erhöht auch die Bindungsquote, selbst von qualifizierten Mitarbeitern. "Durch attraktive Teilzeitmodelle", legt Neufang dar, würden gut ausgebildete Beschäftigte berufliche und private Verpflichtungen besser in Einklang bringen. "Bisher angelaufene Investitionen in die Weiterbildung der Beschäftigten bleiben dem Unternehmen somit erhalten."

Teilzeitarbeit auch in Dienstleistungsunternehmen

Womöglich müssen sich solche Argumente erst herumsprechen, ehe die hartnäckigen Vorurteile kippen. Mit dazu beitragen können auch Beispiele von Betrieben, die eher nicht im Fokus der Diskussion sind. Zwar ist Teilzeit noch überrepräsentiert im gewerblichen Bereich, aber selbst aus der Dienstleistung gibt es bereits Positives zu berichten. Eine durchweg positive Bilanz zieht auch Elke Küpper, Qualitätsmanagementbeauftragte und Personalreferentin im Hauptverband des Deutschen Jugendherbergswerks e.V. in Detmold. "Vor sechs Jahren haben wir uns endlich aus dem Korsett der Gleitzeit befreit."

Zusammen mit der Geschäftsführung und dem Betriebsrat entwickelte Küpper insgesamt acht Teilzeitmodelle, in Betriebsvereinbarungen minutiös definiert. Hier wechseln sich Beschäftigte unter der Woche ab, arbeiten mal drei oder mal vier Tage. Dort erledigt man vorübergehend die Arbeit zuhause oder wechselt einfach für anderthalb Jahre von der Vollzeit- in die Teilzeit. "Entscheidend ist, dass jeder Bereich seine Funktionszeiten einhält und für Kunden ansprechbar ist", sagt Küpper, die selbst eine Vier-Tage-Woche favorisiert, um Zeit zu haben für "staatsbürgerliche Aufgaben".

"Probleme löst man nicht über Arbeitszeitmodelle"

Das alles klingt viel zu gut, um nicht doch irgendwo einen Haken zu haben. Nicht jede Position komme für Teilzeit in Frage, räumt Küpper ein, die mit ihrer Teilzeitinitiative volle Rückendeckung der Geschäftsleitung genießt. "Flexibilität bedeutet ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Beschäftigte müssen Arbeits- und Zeitplanung aufeinander abstimmen und dürfen nicht zu viele Überstunden produzieren." Ein Ampelkonto sorge vor, dass nichts aus dem Ruder läuft. Führungskräfte hätten stets im Blick, dass ihre Mitarbeiter sich nicht selbst überfordern.

Freilich warnt Küpper vor Euphorie: "Probleme löst man nicht über Arbeitszeitmodelle." Hapert es mit der technischen Vernetzung, lässt die Führungskultur zu wünschen übrig oder beuten sich Mitarbeiter selbst aus, "müssen andere Maßnahmen ergriffen werden."

Führungskräfte überzeugen

Zu hoffen bleibt, dass die Beispiele aus Detmold und Solingen auch andernorts Gehör finden. Vor allem im Management scheint Aufklärungsbedarf zu bestehen. "Obwohl Studien belegen, dass sich Teilzeitarbeit positiv auf Motivation und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten auswirkt, sind immer noch viele Führungskräfte skeptisch", beobachtet Neufang vom Zeitbüro NRW. Insbesondere bei höher qualifizierten Positionen sei Teilzeitarbeit noch eine Ausnahme. "Dabei ist Freiraum gerade für Wissensarbeit und Kreativität unbedingt erforderlich."

(Winfried Gertz, 2008 / Bild: Pixel)