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Praktikanten: High Potentials der nächsten Generation

Praktikanten: High Potentials der nächsten Generation

Von Praktika profitieren beide Seiten: Studenten sammeln erste Berufserfahrung und Unternehmen knüpfen Kontakte zu den künftigen  High Potentials. Langfristig ans Unternehmen binden lassen sich diese aber nur, wenn deren Praktika interessant und herausfordernd gestaltet sind.

 

 

Auch wenn die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge wenig Raum für studentische Praktika lassen: Der Bedarf ist nach wie vor groß. Aus Sicht der Praktikanten ist die Motivlage eindeutig: Es geht weniger ums Geldverdienen als vielmehr darum, in relativ kurzer Zeit Einblicke in die Arbeitswelt zu bekommen.

Den Lehrauftrag Ernst nehmen

"Dabei ist es nicht so wichtig, ob es sich um ein großes oder mittelständisches Unternehmen handelt", erklärt Karriereberater Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie GmbH. "Wichtig ist vor allem der Anleiter, der dem Praktikanten vom Unternehmen zur Seite gestellt wird. Wenn der dafür sorgt, dass dem Praktikanten etwas beigebracht wird und er sich beweisen kann, dann ist die Größe des Unternehmens zweitrangig." 

Für das Unternehmen stellt ein Praktikum ebenfalls eine Art Verlobungszeit dar, wie Hesse findet. "Man lernt sich genauer kennen, hat ziemlich ernste Absichten, ohne jedoch schon fest gebunden zu sein."

Frühzeitige Bindung ans Unternehmen

Das Kosmetikunternehmen Beiersdorf hat das erkannt und versucht durch Praktika, High Potentials in einem frühen Stadium ihrer Ausbildung zu identifizieren und ans Unternehmen zu binden. Das sei angesichts des zunehmenden Wettbewerbs um Talente einfach geboten, meint Dr. Hans-Joachim Bartels, Leiter der Personalabteilung.

Die etwa 200 Hochschulpraktikanten pro Jahr bekommen eine Vergütung, die monatlich je nach Studienfortschritt 550 bis 1.100 Euro beträgt. "Jeder Praktikant hat einen Betreuer in der Fachabteilung, der über die gesamte Dauer für ihn verantwortlich ist", ergänzt er. Der Betreuer ist es auch, der gemeinsam mit der Personalabteilung die genauen Aufgaben des Praktikanten festlegt. Er führt Zwischengespräche und kann die Tätigkeit bei Bedarf ergänzen oder ändern.

Drei Viertel werden übernommen

"Wir ermutigen jeden sehr nachdrücklich, Eigeninitiative und Verantwortung zu ergreifen, um die eigenen Potenziale optimal auszuschöpfen", betont Dr. Bartels. Hervorragende Studenten können in das Studentenbindungs-Programm CLOSE2B aufgenommen werden, das Startvorteile im Auswahlprozess und beim Berufseinstieg verspricht.

Auch die Allianz versucht über ein spezielles Praktikanten-Förderprogramm besonders talentierte Studenten ans Unternehmen zu binden. "Hier werden Studenten betreut, mit denen wir nach dem Praktikum in Kontakt bleiben wollen", erklärt Ralf Hilscher, der im Personalmarketing das Praktikantenprogramm 'Keep in touch' betreut. "Wir laden sie zu Planspielen oder zu Workshops ein, bei denen konkrete Projekte bearbeitet werden." Kürzlich ging es zum Beispiel darum, wie die Nutzung von Social-Media-Netzwerken verbessert werden kann.

Weiterbildung während des Praktikums

Auch Seminare zu Konfliktmanagement oder Präsentationstechniken im exklusiven Allianz Management Institute am Starnberger See gehören dazu. Für Studenten besonders lukrativ: Von Teilnehmern aus diesem Programm werden rund drei Viertel direkt nach dem Studium übernommen.

Um passende Bewerber zu bekommen, werden alle Wege genutzt – von der eigenen Website und Karriereportalen über Xing, Facebook und Twitter bis hin zu Karrieremessen, Vorträgen und Veranstaltungen an Unis sowie Initiativbewerbungen.Die etwa 500 Praktikanten, die pro Jahr eingestellt werden, sollten zur ausgeschriebenen Stelle passen und vor allem interessante Lebensläufe vorweisen. Dann winkt nach Auswahlgesprächen ein zwei bis sechs Monate dauerndes, mit 800 bis 1.300 Euro bezahltes Praktikum. Der Nutzen fürs Unternehmen liegt für Hilscher auf der Hand: Das Risiko, einen ungeeigneten Mitarbeiter einzustellen, ist bei ehemaligen Praktikanten, die man ausreichend kennen lernen und testen konnte, sehr gering. "Das gibt sehr viel Planungssicherheit, auch für den Studenten", ist er sicher.

Auswahlverfahren wichtiges Kriterium

Wie die anderen Unternehmen hat auch der Automobilzulieferer Hella keinen Mangel an Bewerbern für seine rund 350 Praktikumsstellen pro Jahr: Fast zehnmal so viele Studenten wollen das Unternehmen kennen lernen. Üblich sind nach schriftlicher Bewerbung Vorstellungsgespräche, oft auch vorherige Telefoninterviews.

Das Procedere zur Besetzung von Praktikumsstellen ist heutzutage kaum noch von anderen Bewerbungsverfahren zu unterscheiden, hat  Karriereberater Hesse beobachtet. "Für Studenten ist das ein wichtiges Kriterium: Wenn Praktikumsplätze ohne große Mühe zu bekommen sind, lässt die Qualität häufig zu wünschen übrig."

Besser zu lang als zu kurz

Die wenige Zeit von Bachelorstudenten ist auch für Hella ein Problem: "Das Minimum sind bei uns vier Wochen, lieber sind uns drei bis sechs Monate", erklärt Personalreferentin Brigitte Krause, die seit zehn Jahren für das Student Recruitment verantwortlich ist.

Ab vier Monaten Dauer hat das Praktikum für beide Seiten den größten Nutzen. Häufig betreffen die Stellen neue Projekte, für die frische Ideen von außen erwünscht sind. Qualität ist auch aus einem anderen Grund ein Muss: "Unter Studenten spricht sich herum, wo es gute Praktika gibt", meint sie.

Student Day

Zur Unterstützung gibt es monatlich einen Student Day, an dem Gruppen von rund 30 Praktikanten teilnehmen, und wöchentliche Stammtische, an denen auch Hella-Mitarbeiter teilnehmen. Die Praktikanten bekommen neben ihrer Vergütung von 450 Euro im Monat ein kostenloses Zimmer gestellt.

"Wir haben die Erfahrung gemacht, das Praktika dann erfolgreich sind, wenn die jungen Leute eine klar umrissene Aufgabe haben, die ihnen Freude macht", so Brigitte Krause. "Dann ist auch für uns der Nutzen am größten." Kein Vorstellungsgespräch der Welt liefere ein so umfassendes Bild von einem potenziellen Mitarbeiter wie gemeinsames Arbeiten. Und eine hohe Übernahmequote sei wohl der beste Beweis dafür, dass das Konzept aufgeht.

(Elke Pohl, Januar 2011 / Bild: goodluz, Fotolia.com)