Tipps / Personalmanagement / Vergütung / Langzeitkonten: Sicher ist sicher

Langzeitkonten: Sicher ist sicher

Langzeitkonten: Sicher ist sicher

Die jüngsten Regelungen bei Langzeitkonten sorgen bei Unternehmen für Kopfzerbrechen. Ein Praxisbericht.


Die einst vom Finanzberater André Kostolany vertretene Devise "Ruhe bewahren" dürfte vielen derjenigen Arbeitnehmer zuletzt schwer gefallen sein, die in den vergangenen Jahren Entgeltbestandteile und Zeit auf Langzeitkonten eingebracht haben. Denn nicht jeder Arbeitgeber hat bei der Anlage der Guthaben die Sicherheit im Blick gehabt, die jetzt der Gesetzgeber durch Flexi II vorschreibt.

Flexi-II regelt Langzeitkonten


"Wir haben lange überlegt, wie wir die Guthaben der Zeitwertkonten anlegen sollen", sagt Ronald Kösters, Leiter des Bereichs Compensation & Benefits bei der AXA AG (Köln). Bis zum Inkrafttreten des Flexi II-Gesetzes Anfang des Jahres hat der Konzern nur 30 Prozent in Aktien und den Rest in Rentenpapiere angelegt. Mit drei Prozent jährlich sei die durchschnittliche Verzinsung zwar "nicht berauschend", meint Kösters. Bei Langzeitkonten sorge aber primär die Sicherheit der Vermögensanlage und Flexibilität bei der Einzahlung und Verwendung des Wertguthabens für Attraktivität bei den Mitarbeitern.

AXA garantiert seinen Mitarbeitern seit Bestehen des Zeitwertmodells, dass sie den eingezahlten Wert des Guthabens wieder zurückerhalten. Mit Inkrafttreten von Flexi II müssen das nun alle Arbeitgeber garantieren. Außerdem dürfen nur noch maximal 20 Prozent des Guthabens in Aktien oder Aktienfonds angelegt werden, es sei denn, die Verwendung des Kapitals ist einzig und allein für eine Phase der Freistellung vor der Rente vorgesehen oder ein Tarifvertrag regelt etwas anderes.

Größere Sensibilität für Anlagerisiken


"Dass es am Ende des Gesetzgebungsverfahren trotz der Widerstände von Interessenvertretern bei diesen Vorschriften geblieben ist, hat auch mit der Finanzkrise zu tun", meint Marc-A. Danlowski, Experte für Langzeitkonten beim Zeitbüro NRW in Dortmund. Die Sensibilität für Anlagerisiken habe deutlich zugenommen. "Ich halte die Begrenzungen für wichtig und sinnvoll", sagt Danlowski. Schließlich handele es sich bei den Zeitwertguthaben nicht nur um Geld der Beschäftigten, sondern auch um Steuermittel und Sozialversicherungsbeiträge, die bei Verwendung des Kapitals für Freistellungen oder Weiterbildungen fällig werden.

Im Unterschied zu AXA sind andere Arbeitgeber risikoreicher mit dem Geld ihrer Mitarbeiter umgegangen. Zum Teil sind je nach Alter eines Mitarbeiters 90 oder sogar 100 Prozent des Guthabens auf Langzeitkonten in Aktienfonds geflossen. Selbst wenn die Anlage per Betriebsvereinbarung nur für den Fall der Verrentung vorgesehen und der Anlagehorizont mithin sehr langfristig war, gilt bei der Einschätzung des Risikos zu bedenken, dass ein Mitarbeiter gleich welchen Alters seinen Arbeitsplatz verlieren kann. Sollte zu einem solchen Zeitpunkt die Anlage stark an Wert eingebüßt haben, hatte er Pech. "Die entscheidende Frage lautet, ob ein Langzeitkonto ein interessantes Arbeitszeitmodell für das Unternehmen und seine Beschäftigten ist und nicht, ob die Kapitalanlage besonders lukrativ ist", sagt Danlowski.

Tarifliche Regelung


"Nur so können Langzeitkonten attraktiv sein", meint dagegen Michael Mostert, Sekretär für Tarifrecht bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in Hannover. Schon früh hat die IG BCE Langzeitkonten tarifvertraglich geregelt, nicht aber die Frage der Kapitalanlage. "Das haben wir bewusst unterlassen", sagt Mostert. Langzeitkonten könnten nur dann für die Beschäftigten wirklich attraktiv sein, wenn die Verzinsung deutlich oberhalb der Entwicklung der Gehaltssteigerungen liege.

Beim Kosmetikhersteller Beiersdorf AG in Hamburg ist das Langzeitkonto allein für den Zweck eingerichtet worden, früher in Rente gehen zu können. Dem folgte die Langfristorientierung bei der Kapitalanlage, die nicht als konservativ bezeichnet werden kann. "Hier hat uns der Gesetzgeber einen Strich durch die Rechnung gemacht", sagt Carola Gossler, Referentin für Grundsatzfragen in der Abteilung Legal & Labour Relations bei Beiersdorf.

Erst spekulativ, dann konservativ


Der Kosmetikhersteller hat sich seinerzeit für ein Altersklassenmodell entschieden. Danach beträgt der in Aktienwerte investierte Anteil beispielsweise bei einem Mitarbeiter, der 2055 in Rente gehen kann, 90 Prozent. Bei einem Mitarbeiter, der 2015 in Rente geht, beträgt der Anteil 20 Prozent. Mit zunehmendem Alter eines Mitarbeiters wurde zudem laufend umgeschichtet: weg von Aktien- hin vor allem zu Rentenwerten.

"Das Modell war nicht für einen Störfall ausgelegt", sagt Gossler. Wenn ein Mitarbeiter das Unternehmen zu einem bezogen auf die Entwicklung auf dem Kapitalmarkt ungünstigen Zeitpunkt verlassen hätte, habe er möglicherweise deutlich weniger rausbekommen. Bei positiver Entwicklung allerdings auch erheblich mehr. "Auf die Risiken haben wir unsere Mitarbeiter ausdrücklich hingewiesen", sagt Gossler. Eine Möglichkeit selbst zu entscheiden, wie das Guthaben angelegt werden sollte, hatte der einzelne Beiersdorf-Mitarbeiter aber nicht. Entscheidend war allein sein Alter. "Wir wollten ein einfach verständliches und transparentes Modell", sagt Gossler.

Investition in die Sicherheit


Jetzt muss Beiersdorf umdenken, die Zeitwertguthaben müssen anders angelegt werden. Noch stehe nicht fest, mit welchen Produkten die Investment- und Kapitalanlagegesellschaften bei den Langzeitkonten auf den Markt treten werden, meint Michael Ries, Mitglied des Vorstands der Arbeitsgemeinschaft Zeitwertkonten e.V. (AGZWK) in Frankfurt am Main. Bei Beiersdorf werden bis zur Entscheidung über die neue Form der Anlage die Guthaben in einen Geldmarktfonds eingezahlt, berichtet Gossler. Damit gewinne das Langzeitkonto in puncto Sicherheit dazu.

Dass durch ein Mehr an Anlagesicherheit zukünftig wesentlich mehr Mitarbeiter ein Langzeitkonto nutzen werden, bezweifelt allerdings Danlowski. Ein interessantes Arbeitszeitmodell seien Langzeitkonten vor allem dann, wenn neben Zeit darauf auch Entgeltbestandteile eingezahlt werden. "Das ist dann aber eher etwas für höher eingruppierte Beschäftigte", sagt Danlowski. Nach einer vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Auftrag gegebenen Studie verfügen bisher nur rund 7 Prozent der Beschäftigten über Langzeitkonten.

(Rainer Spies, 2009 / Bild: V. Yakobchuk, Fotolia.com)